Unter „Konstruktion“ verstehen wir von der sprachlichen Herkunft her zunächst ein „Zusammenbauen“, das Fügen von Teilen zu einem Ganzen, dann auch das so Gefügte selbst, welches mal mehr mal weniger der materialen Form des Bauwerks selbst entspricht. So lässt sich der vielfältige Begriff „Konstruktion“ etwa auf Bauart und -weise, auf den äußeren Bau, den inneren Aufbau, die Gliederung etc. beziehen.

Die gegenwärtig vielgestaltige Architektur lässt indes die Frage offen, ob mit dem Begriff Konstruktion eher ein allgemeiner planerischer und technischer Inhalt gemeint, oder doch ein wesentliches, weil bestimmendes, ordnendes und gestaltgebendes Prinzip der Architektur angesprochen ist. Jedenfalls können wir heutzutage nicht ohne weiteres weiter davon ausgehen, dass sich Gestalt in der Architektur maßgeblich und direkt von der Konstruktion ableitet, oftmals, so scheint es, soll ja gerade dieser Zusammenhang verschleiert, als überwunden oder aufgehoben erscheinen. Einer solchen „Konstruktion“ käme lediglich noch eine dienende Rolle zu, indem sie physikalische und technologische Eigenschaften des Ganzen wie seiner Teile sicherstellte und den „Zusammenbau“ planerisch ermöglichte.   

Aber, wäre denn diese so gewonnene „Freiheit in der Erscheinung“ eine, die dem Wesen der Architektur noch Rechnung trüge? Sollte, ja müsste die Konstruktion nicht vor allem über die Gestalt zur Anschauung kommen, wenn wir der Architektur – ganz allgemein gesprochen – noch Selbstverständlichkeit, Nachvollziehbarkeit und „Lesbarkeit“ zuschreiben wollten?

Die Konstruktion ist eine der wesentlichen Grundlagen der Architektur, nicht zuletzt weil Architektur nicht abstrakt, sondern immer konkret ist und es keine Architektur ohne Konstruktion gibt. So wie der Raum dem Zweck, die Form dem Raum, so geht die Konstruktion der Form nach und das Material der Konstruktion. Der Annahme nach steht Konstruktion in unmittelbarer und korrelativer Beziehung zu Form und Material. Erst diese wechselseitige Verbindung öffnet über die stofflich und statisch notwendige Leistung des Ganzen und seiner Teile hinaus den „Spielraum“ für die Gestalt. Konstruktion ist daher ganz sicher keine rein technische Kategorie, sondern zugleich und vielleicht auch zuerst wesentliche Grundlage sowohl für den Gebrauch als auch die Gestalt in der Architektur. 

In theoretisch-technischer Hinsicht ist Konstruktion die Zusammenfügung von Einzelteilen zu einem sinnvollen Ganzen. Dabei wird dieses Ganze nicht nur von der Summe und Art seiner Teile bestimmt, sondern ganz wesentlich von den Beziehungen der Teile untereinander. Wird sie planvoll erzeugt, ist die Konstruktion das Ergebnis einer zielgerichteten Abstimmung und Zuordnung der Teile. Hierzu bedarf es Regeln und Prinzipien, die auf den Gesetzen der Technik beruhen und die Teile in einen auf einen Zweck ausgerichteten übergeordneten Sinnzusammenhang bringen. 

In Bezug auf ein Gebäude umfasst die „Konstruktion“ alle eingesetzten Mittel zur Herstellung eines Bauwerks, ganz gleich ob sie tragend, umhüllend, raumbildend oder -konditionierend wirken. Im Unterschied zur konkreten Konstruktion, die die materielle Umsetzung und die Fügung der Bauteile umfasst, meint „Struktur“, jener in Bezug auf die Architektur so schwer zu fassende, unscharfe und doch so wichtige Begriff, die innere Ordnung, den geistigen Zusammenhang, das Ordnungssystem für das Zusammenwirken aller Teile eines Bauwerks.

Das Zusammenwirken der Teile und Systeme und ihre Materialisierung haben großen Einfluss auf die Gestaltwerdung von Konstruktion, ihren Ausdruck, und bestimmen damit auch die „Tektonik“, die Kenneth Frampton ideologiefrei als das „poetische Ausdruckspotential der Konstruktionstechnik“ beschreibt. Eine klare Definition des Bezuges dieser für das Denken über Architektur zentralen Begriffe untereinander stammt von Eduard Seckler: „Struktur als Prinzip und immanente Ordnung wird verwirklicht durch Konstruktion, aber erst die Tektonik macht Struktur und Konstruktion künstlerisch sichtbar und verhilft ihnen zum Ausdruck.“ 

Damit wird deutlich, dass der Konstruktion innerhalb einer architektonischen Konzeption einerseits mehr als eine formale Vorstellung, mehr als eine gehorsam dienende Aufgabe zukommt, und dass Konstruieren anderseits weit mehr als nur ein auf Stabilität, Standfestig- und Dauerhaftigkeit ausgerichtetes pragmatisches Umsetzen bedeutet.
Mit der strukturellen Gliederung und der stofflichen Realisierung eines Gebäudes verbinden sich immer zugleich Fragen nach den Möglichkeiten des Gebrauchs und dem Potential an Nutzungs-freiheiten, als auch nach dem Verhältnis zwischen Konstruktion und architektonischer Form und welche BedeutungStruktur und Konstruktion im Ganzen wie im Detail als Ausdrucksform zukommt.

Wenn es in der Architektur als Baukunst darum geht, Funktion, Technik, Raum und Form in Kongruenz zu bringen, um zu authentischen Aussagen zu gelangen, wie können oder müssen wir Konstruktion dann einzusetzen, dass sie einen selbstverständlichen Bestandteil der Gestaltung bildet und diese aktiv mitbestimmt? Und welchen Einfluss wird dabei der dringende Bewusstseinswandel im Umgang mit Material und Emissionen, Energie- und Stoffkreisläufen auf zukünftige Konstruktionen und architektonischen Konstrukte haben? 

Diesen Fragen will die 4. Aachener Tagung in gewohnter Weise in Thesendiskussionen und anhand realisierter Projekte nachgehen, denn erst am konkreten Bespiel erweist sich, dass eine konstruktive Lösung im Kontext einer spezifischen Aufgabenstellung (Ort und Funktion) und einer individuellen architektonischen Konzeption zwangsläufig auch sinnvoll ist.

Fragen 

1. Konstruktion und Architektur (Statement)

Welche Bedeutung hat die Konstruktion für die architektonische Gestalt des Baus? Welchen Stellenwert nimmt die Konstruktion beim Zustandekommen der Architektur ein? Inwieweit gehören Theorie und Praxis der Konstruktion zu den Grundlagen der Architektur? 

2. Konstruktion und Entwurf

Ist eine bestimmte und bestimmende Vorstellung von der Konstruktion immer schon beim Entwerfen präsent und daher auch ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Entwurfs? Bestimmt die Konstruktion Form und Material des Baus, oder passt sich die Konstruktion in einer Wechselwirkung an diese an?

3. Konstruktion und Bau

In welcher Weise werden die konstruktionsgebundenen entwurflichen Vorstellungen baulich umgesetzt? Welche Rolle spielt das konstruktive Konzept für die architektonische innere und äußere Erscheinung des Gebäudes und wie und wann werden diese Überlegungen auf verschiedenen Ebenen des Entwurfs- und Planungsprozesses untersucht und präzisiert.